Wenn Gemeinschaft den Körper verlässt – Yang-Dominanz, Nervensystem und die verlorene Mitte

Ich habe vor vielen Jahren eine Gemeinschaft mitgegründet – auf der Suche nach neuen, alternativen Lebensformen. Mehr ein Stamm sein und weniger alles alleine schaffen. 

Gleichzeitig war da die Sehnsucht nach Verbindung, nach echtem Leben – also authentisch und echt da sein dürfen, nach Bewusstheit, gemeinsamem Wachstum und einem echten menschlichen Zusammensein. 

Wie wohl die meisten Menschen in Gemeinschaft bin ich ziemlich ernüchtert geworden. Habe erkannt, dass das ein Ideal ist dem ich hinterherlaufe, eine Ideologie – vielleicht sogar eine Art Dogma. 

Denn unsere Nervensysteme sind programmiert, haben tiefe Verteidigungsmuster aus einer individualisierten Gesellschaftskonditionierung. Wir wissen nicht wie echte Verbindung geht, die fühlt sich oft sogar gefährlich an!

Und so kreieren wir unbewusst ein Feld permanenter Aktivierung!

Gar nicht sichtbar, sondern unter einem Mantel versteckt von „Bewusstsein“, „Spiritualität“ oder einer „therapeutischen Oberfläche“. 

Das Nervensystem bleibt dabei jedoch häufig in subtiler Spannung:

  • wach,
  • positioniert,
  • argumentierend,
  • sich verteidigend,
  • sich erklärend,
  • Grenzen haltend,
  • Konflikte verarbeitend.

Nach der Gründung sind wir als Gemeinschaft in eine bestehende Gemeinschaft gezogen. Inzwischen sind wir halb so lange hier (fünf Jahre) wie es die Gemeinschaft insgesamt gibt (zehn Jahre). 

Dabei habe ich viel neues gelernt, neue Felder erforschen dürfen und neue Arten des Zusammenlebens kennen gelernt. Leider nicht hier am Platz, sondern von Veranstaltern, die hier Festivals durchgeführt haben. 

Eines davon war eine Bewegung, namens „Sensing the Change“ (die nur vorübergehend war) und sie ist aus der Contact Improvisation entstanden. 

Eine Art zu tanzen, ein Forschungsfeld, wo Menschen eben mit Kontakt experimentieren. Irgendwann wurde dieser Szene bewusst, dass dieser „Tanz“ nur wirklich gut funktioniert, wenn jeder mit seinem eigenen Zentrum verbunden bleibt. 

Nicht im Kampf.
Nicht im Kollaps.
Nicht im Ziehen oder Schieben.

Sondern in einer verkörperten Mitte.

Wenn ich das jetzt auf Gemeinschaft übertrage, merke ich, dass wir es hier verloren haben. 

Es ist schwer die eigene Mitte in Gemeinschaft zu halten und gleichzeitig in Verbindung zu sein. Das müssen wir alle echt erst mal ganz neu lernen! 

Menschen bewegen, sich hier oftmals nicht mehr aus ihrer eigenen Achse heraus, sondern aus Anpassung, Reaktion oder Aktivierung.

Und ich nehme mich da nicht raus. Ich versuche wirklich herauszufinden wie es möglich ist. Ich kann bisher gut Rückzug und mit dem eigenen Zentrum sein, einzelne Begegnungen und mit dem eigenen Zentrum sein oder in Kontakt mit der Gemeinschaft mein Zentrum schnell verlieren. 

Ich sehe es auch nicht als schlimm, sondern es ist wirklich eine Forschungsfrage, die mich tief beschäftigt!

Ich würde behaupten, die meisten von uns sind in Gemeinschaft gegangen auf der Suche nach echter Verbindung, nach Co-Regulation, nach Lebendigkeit und echtem menschlichen Miteinander. 

Doch diese Felder brauchen viel Verantwortung und mit jedem neuen Mensch, der dazu kommt, kommt ein vollkommen neues System, neue Dynamiken an den Platz und verändern das Feld. Machtdynamiken entstehen, Wettbewerbe, Leistungsdenken. 

Wenn ein Feld über längere Zeit von subtiler Spannung, Positionierung, Aktivierung und unausgesprochenen Machtbewegungen geprägt ist, beginnt das Nervensystem sich anzupassen.

Die Aufmerksamkeit verschiebt sich dann langsam:
weg vom eigenen Zentrum –
hin zum permanenten Wahrnehmen und Absichern des sozialen Feldes.

Anstatt sich frei aus dem eigenen Körper heraus zu bewegen, entsteht innere Wachheit:
Wer hat Einfluss?
Wo entsteht Spannung?
Wie sicher ist mein Platz?
Darf ich weich sein?
Werde ich gehört?
Muss ich mich behaupten?

So wird das Feld auf einmal dauerfhaft yang-lastig wird und unsere Nervensysteme lernen dabei:

„Ich muss wach bleiben, sonst verliere ich meinen Platz.“

Ich habe auf meiner Gemeinschaftsreise dabei beobachten, dass es Männer oftmals in ihre Kraft bringt, während es die Nervensysteme der Frauen dauerhaft verändert. 

Denn viele Frauen spüren anfangs sehr fein:

  • Atmosphären,
  • Spannungen,
  • implizite Macht,
  • Gruppendynamiken,
  • emotionale Schwingungen.

Ich habe das in meiner Gemeinschaft erlebt und erlebe es noch immer. Ich habe gerade keine Antwort darauf und eher ein Gefühl von „Ich bin gescheitert“ an dieser Stelle.“

Es scheint so zu sein, dass wenn ein Feld dauerhaft yang-lastig wird, lernt das Nervensystem:
„Ich muss wach bleiben, sonst verliere ich meinen Platz.“

Dann beginnen viele Frauen unbewusst:

  • ihre Weichheit zurückzunehmen,
  • weniger empfangend zu werden,
  • ihren Körper weniger zu spüren,
  • schneller zu sprechen,
  • härter zu argumentieren,
  • sich permanent zu positionieren,
  • weniger zu ruhen,
  • weniger zu spielen,
  • weniger sinnlich zu sein.

Ganz und gar nicht, weil sie falsch sind, sondern weil es einfach eine Überlebensstruktur ist. 

Ich habe das erlebt und gleichzeitig habe ich auch eine andere Seite erlebt. 

Die Seite, die auch manche Frauen wählen, 
nämlich die des Rückzugs. 
Sie werden still. 
Verlassen die Gruppen innerlich oder äußerlich. 

Und ich bin derzeit eine dieser Frauen. Ich habe das Gefühl meine Weiblichkeit an diesem Platz nur leben zu können, wenn ich nicht oder nicht viel Gemeinschaftsleben teilnehme. 

Nicht aus Schwäche, sondern weil auch hier mein Nervensystem mich beschützt. 

Beide Reaktionen sind oft Antworten auf dasselbe Feld.

Das was ich daran am tragischten finde ist, 
dass viele dieser Gemeinschaften genau da von Verbindung, Heilung, Bewusstsein oder gutem Vorbild sprechen. 

Und ich kann dem gerade einfach nicht zustimmen. 

Ich weiß nicht, wie Gemeinschaft „besser“ gehen kann. Ich sag auch gar nicht, dass wir falsch oder schlecht sind. Ich glaube wir sind ein einem permanenten Forschungsfeld von etwas, wo wir noch nicht wissen wie es funktioniert. 

Aber was ich weiß ist, dass echte Verbindung nicht durch Daueraktivierung statt finden kann.

Ja, ich kann nett sein, 
höflich, 
liebevoll, 
aufmerksam, 
wertschätzend. 

Doch manchmal kommt das nicht aus einem echten inneren Gefühl heraus, sondern ist ebenso ein antrainiertes Muster.  Klar ist es besser als uns gegenseitig zu verurteilen – definitiv – und trotzdem ist es irgendwie nur die Kehrseite einer Überlebensstrategie. 

Denn echte, reale Verbindung entsteht dort, wo Menschen:

  • mit ihrem eigenen Zentrum verbunden bleiben,
  • nicht permanent um Raum kämpfen müssen,
  • weich werden dürfen,
  • Grenzen setzen können ohne Krieg,
  • Unterschiedlichkeit halten können,
  • nicht ständig performen oder sich definieren müssen.

Ich glaube sogar, dass wenn Yin keinen Raum mehr bekommt, sich nicht nur das Verhalten der Menschen verändert sondern auch ihre Körperlandschaften. 

Ich spüre das auch bei mir. 

Die Schultern spannen an.
Die Stimme wird härter.
Der Blick wacher.
Das Herz vorsichtiger.
Die Bewegungen kontrollierter.
Der Atem flacher.
Der Kontakt funktionaler.

Das alles sind Symptome eines überaktivierten Nervensystems. Und in manchen Kreisen wird das echt mit Präsenz und Wachheit verwechselt! 

Dadurch verschwindet irgendwann etwas etwas Wesentliches:
das spontane Fließen zwischen Menschen.

Dann gibt es immer noch Gemeinschaftsräume, gemeinsame Entscheidungen, Austausch, Gespräche und Diskussionen.

Aber es ist nur noch wenig gemeinsame Regulation – jede*r steht für sich. 

Wenn ich diese Zeilen so schreibe, dann glaube ich nicht, dass wir Gemeinschaften brauchen, die noch bewusster, klarer oder politischer werden! 

Sondern wir müssen herausfinden, wie wir in Gemeinschaften Räume kreieren können, in denen Menschen nicht ihr Zentrum verlieren, um dazuzugehören. 
Räume, in denen auch das leiseste und feinste Gemeinschaftsmitglied sich traut kraftvoll zu sprechen. 

Ich weiß noch nicht wie das wirklich geht und ich habe auch noch kaum einen Ort gesehen, wo es wirklich statt findet – zumindest dauerhaft. 

Ich kenne es von Retreats, von Festivals, von vorübergehenden Zusammensein. Aus Forschungslabs und Heilungsräumen. Nicht aber an festen Plätzen. 

Vielleicht brauchen wir auch diese Übergangsmodelle, bis wir wirklich bereit sind diese tiefe Form des Kontakts dauerhaft zu leben. 

Ich bin jedenfalls neugierig herauszufinden, wie das geht. 

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